Ein Abend mit Sokrates

( von Peter F.W. Smoczynski - Dezember 2002 )

Für einige kurze wenige Stunden letzte Nacht, wurde das Glenn Gould Studio einige fünundzwanzig-hundert Jahre auf dem modernen Kalender, zu einem berüchtigten Prozess in einer Arena Athen´s, zurücktransportiert. Diese Zeitreise wurde durch einen Mann möglich, dem routinierten Schauspieler Nick Mancuso.
Mancuso´s fesselnde Bühnenadaption von Plato´s “Der Tod des Sokrates” aufgenommen in dem CBC-Studio war mehr als eien Aufführung, sondern ein freimütiger Ansatz der Radio-Drama-Produktionen für den Rundfunk und die Nachwelt.
Mancuso stand vor einem kleinen Publikum, dass Richter, Geschworene und Futter in seiner Darstellung des Sokrates war, die ein letztes Argument und anschließende Verteidigung definierte, um eine Machenschaft von unversöhnlichen Anschuldigungen, die jüngere Generation seiner Zeit zu “korrumpieren”, zu meiden. Sokrates´ Ankläger waren “die Herren von Athen”, die Strafe, die Anschuldigungen mit sich brachten, Tod. Sokrates war grundsätzlich der John Scopes seiner Zeit (der Schullehrer, der festgenommen wurde, weil er Darwin in das Klassenzimmer einführte und auf diese Weise den berühmten Affen-Prozess). Im Gegensatz zu Scopes, brauchte Sokrates keinen Clarence Darrow als seinen Strafverteidiger. Sokrates, ein Meisterredner und Theoretiker, zerstört die Behauptungen gegen ihn, die ganze Zeit wissend, dass Bestechung vorliegt.
Eine Begegnung mit Nick Mancuso ist nicht was man von einem Schauspieler, dessen dreißig Jahre von Ausweispapieren mit dem Berufsbereich, der sich von der Bühne und dem Fernsehen zur großen Leinwand erstreckt, erwarten würde.
Vor der Aufnahme letzte Nacht, genießt Mancuso eine schnelle Vor-dem-Auftritt Mahlzeit mit seinem CBC Radio-Drama-Produzenten, in einem in der Nachbarschaft gelegenen Lokal. Mancuso, der zuerst jemanden als Akademiker beeindrucken würde, Schriftsteller, Dichter, mehr ein Mann mit einem weisen Ausblick auf das Leben, als ein abgehärteter Routinier der Hollywood Traumfabrik. Zuerst, spürt man einen Vorbehalt gegenüber diesem Mann - “immer noch” kommt es in den Sinn...und in einem schnellen Moment offenbart er den Kern seiner Seele...
“Sind Sie hungrig?” Fragt er höflich bei der späten Ankunft. “Denn ich kann dies alles nicht essen, es ist zuviel.” Sagt er und zeigt auf das gesunde Essen, dass nur wenige Sekunden zuvor vor ihn gestellt wurde. sehr zur Überraschung des Gasts, wird Essen von der eigenen Platte des Mannes auf eine zweite Platte gehäuft und aufserviert.
“Machen Sie schon, essen Sie.” macht Mancuso es schmackhaft, “Es ist sehr gut.”
Es ist mit derselben großzügigen Hingabe, die Mancuso seinem Publikum gibt.
Die letzte Vorstellung heute Abend hat nur ein kleines Publikum, nur durch Einladung. “Der Tod des Sokrates” hat vor kurzem am Artword Theatre geschlossen, der einen kurzen, aber erfolgreichen Lauf genoss. Nach einer wackeligen Eröffnungsvorstellung brachte “Sokrates” Schwung in die Theatergesellschaft, indem er sich durch gesunde Zahlen an der Theaterkasse und stehenden Ovationen auszeichnete.
“Bei der Eröffnungsvorstellung hatte ich einen Anfall von Grippe, ein aufsteigendes Fieber.” vertraut sich Mancuso an, “Ich hätte es abbrechen sollen, aber...naja...ich entschied weiterzumachen.”
Und wie es das Leben haben würde, wird die Aufnahme heute Abend gerade so belastend für den Schauspieler sein, der sich gegen einen wunden, wenn nicht sogar entflammten Rachen wehrt...eines Schauspielers einziges handfestes Instrument im Radio-Drama.
Mancuso erscheint auf der Bühne, still, ohne Fanfare und mit einem einfachen “Guten Abend” setzt er sich einen Kopfhörer auf und wartet auf den Hinweis von seinem Regisseur in der Schallnische.
Im Gegensatz zu der Bühnenversion, gibt es keine Produktion hier, kein Szenenbild, keine Lichter,oder Kostüme zur Unterstützung, nur einen Schauspieler alleine vor einem Publikum.
Mancuso vertieft sich in die Seele von “Sokrates” und läßt eine Tour de Force vom Stapel. Von roher viszeraler Energie zu mitfühlendem väterlichen Rat verspottet Mancuso´s Sokrates, treibt an, beruhigt und argumentiert während der ganzen Zeit mit den gesichtslosen Verschwörern von seinem ominösen Schicksal, das Publikum in das Herz eines Mannes´Stimme lockend, niedergeschrien von Täuschung und Ignoranz. In den abschließenden Bildern des Prozesses - fasziniert Mancuso - Mancuso ist Sokrates.
Und dann ist es vorbei. Mancuso stellt sich dem Applaus mit einem einfachen Dankeschön.
Der Schauspieler, aufgezehrt und in Abweichung von seiner kristallklaren Diktion - ist plötzlich heiser - als er von der Bühne heruntersteigt zurück hinein in die “Gegenwart” vor dem kleinen Publikum, dass ihn mit Applaus überschüttet als wäre es eine Menschenmenge des gemeinsamen Volkes, nicht nur eine brilliante Vorstellung lobend, sondern die Überzeugung des Glaubens eines einzigen Mannes, einige fünfundzwanzig-hundert Jahre zuvor in einer Arena Athen´s.